«Hoppla! Was nun?» – 6. AID Symposium diskutiert Problemfälle aus dem Praxisalltag (deutsche Version)
Zürich, 20. Oktober 2026 – Ein Implantat mit unerwartetem Knochenverlust, eine aufwendige Behandlung, deren Notwendigkeit rückblickend hinterfragt wird, und die Erkenntnis, dass man das therapeutische Vorgehen heute vielleicht anders gestalten würde. Unter dem Motto «Hoppla! Was nun? Problemfälle aus dem Praxisalltag» kamen knapp 100 Teilnehmende zum 6. AID Symposium im Lake Side Zürich zusammen, um sich genau jenen klinischen Situationen zu widmen, in denen nicht alles nach Plan verläuft. Statt ausschliesslich erfolgreiche Behandlungsergebnisse zu präsentieren, wurden Komplikationen, schwierige Entscheidungen und alternative Lösungsansätze offen diskutiert. Auch das Publikum war eingeladen, eigene Einschätzungen und Erfahrungen einzubringen.
Vertrauen, Verantwortung und die Grenzen des Machbaren
Den Auftakt machte Zahntechniker Marco Camin mit seinem Referat «Medizin im Spannungsfeld von Recht, Ethik und Innovation». Er beleuchtete die rechtlichen und ethischen Herausforderungen im zahnmedizinischen Alltag und ging der Frage nach, wo die Grenzen zwischen Patientenwunsch, fachlicher Verantwortung und den eigenen Möglichkeiten liegen.
Anhand eines Fallbeispiels mit hohen Patientenerwartungen und gleichzeitig ungünstigen klinischen Voraussetzungen zeigte Camin, wie wichtig es ist, die eigene Kompetenz realistisch einzuschätzen und Patienten verständlich über Risiken und Behandlungsalternativen aufzuklären. Dabei thematisierte er unter anderem das sogenannte Übernahmeverschulden, das entstehen kann, wenn Behandelnde Eingriffe übernehmen, für die ihnen die erforderlichen Kenntnisse oder Erfahrungen fehlen. Ebenso problematisch sei jedoch eine übermässige Zurückhaltung aus Angst vor Haftungsansprüchen. Camin thematisierte in diesem Zusammenhang die Defensivmedizin und betonte die Bedeutung einer verständlichen Patientenaufklärung und einer gemeinsamen Entscheidungsfindung.
Auch die Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizin und Zahntechnik wurde in der anschliessenden Diskussion aufgegriffen. Was geschieht, wenn ein Auftrag unter den gegebenen Voraussetzungen nicht verantwortbar erscheint? Camin machte klar, dass solche Situationen offen angesprochen werden müssen. Statt Schuldige zu suchen, sollten alle Beteiligten gemeinsam nach Lösungen suchen.
Implantat erhalten oder entfernen? Nicht immer eine eindeutige Entscheidung
Wie unterschiedlich sich komplexe Behandlungssituationen beurteilen lassen, zeigten die interaktiven Falldiskussionen. Unter der Moderation von Ueli Grunder und Quirin Döbelin stellten Claude Andreoni, Vivianne Chappuis, Karin Wolleb, Kilian Troxler, Lucia Zaugg und Luca Vaglio herausfordernde Fälle aus ihrem Praxisalltag vor. Dabei blieb die Diskussion keineswegs auf das Expertengremium beschränkt. Die Teilnehmenden konnten Fragen stellen, eigene Erfahrungen teilen und ihre Einschätzungen zu den vorgestellten Fällen einbringen.
Bereits der erste Fall führte zu einem lebhaften Austausch: Bei der Freilegung eines noch nicht prothetisch versorgten Implantats zeigte sich ein unerwarteter Knochenverlust im Bereich der Implantatschulter, sodass Teile des Implantatgewindes frei lagen. Was nun? Sollte das Implantat entfernt und nach entsprechender Heilung neu gesetzt werden? Oder sollte versucht werden, das Implantat mit Dekontamination und augmentativen Massnahmen zu erhalten?
Die Meinungen gingen auseinander. Während einige Experten aufgrund der unklaren Ursache und möglicher Risiken für die Langzeitprognose eine Explantation bevorzugten, verwiesen andere auf die zusätzlichen Risiken einer Implantatentfernung bei geringem verbliebenem Knochenangebot. Doch nicht nur die chirurgischen Möglichkeiten standen zur Diskussion. Mindestens ebenso relevant war die Frage, wie man einem Patienten eine unerwartete Komplikation erklärt, deren Ursache man möglicherweise selbst nicht genau kennt. Hier waren sich die Diskutierenden einig: Offenheit gegenüber dem Patienten und eine sorgfältige Dokumentation sind unerlässlich.
Wenn sich die Voraussetzungen über die Jahre verändern
Dass auch eine langjährig funktionierende implantatprothetische Versorgung neue Herausforderungen mit sich bringen kann, verdeutlichte ein weiterer Fall aus der Praxis. Eine Patientin, deren umfangreiche implantatprothetische Frontzahnversorgung über viele Jahre gut funktioniert hatte, entwickelte nach rund 20 Jahren periimplantäre Probleme mit ausgeprägtem Knochenverlust an einem Implantat. In der Zwischenzeit hatten sich ihr allgemeiner Gesundheitszustand und die Voraussetzungen für eine regelmässige Nachsorge erheblich verschlechtert.
In der Diskussion wurden verschiedene Behandlungsmöglichkeiten gegeneinander abgewogen – von nichtchirurgischen und regenerativen Ansätzen bis hin zur Explantation. Hinzu kamen die gesundheitlichen Einschränkungen der Patientin, ihre Vorbehalte gegenüber weiteren umfangreichen Eingriffen und die ungewisse Prognose der verschiedenen Therapieoptionen. Das Behandlungsteam hatte sich schliesslich für die Explantation entschieden. Nach einer Rekonstruktion des Alveolarkamms und entsprechender Heilung wurde ein Tissue-Level-Implantat eingesetzt.
Der Fall warf jedoch eine Frage auf, die über die eigentliche Komplikation hinausging: Sollte man bestehende Rekonstruktionen im Laufe der Zeit anpassen? Denn was über viele Jahre problemlos gereinigt werden konnte, muss für einen älter gewordenen oder gesundheitlich eingeschränkten Patienten nicht mehr gleich gut handhabbar sein. Auch darüber gingen die Überlegungen der Anwesenden auseinander.
War der gewählte Behandlungsweg wirklich notwendig?
Besonders aufschlussreich waren auch jene Fallpräsentationen, bei denen nicht eine Komplikation, sondern die kritische Reflexion einer bereits durchgeführten Behandlung im Vordergrund stand.
So wurde ein junger Patient mit einem ausgeprägten Knochendefekt im Unterkiefer vorgestellt. Nach einem chirurgischen Knochenaufbau war die Zahnlücke ohne Implantation mit einer adhäsiven Brücke versorgt worden. Die Diskussion drehte sich unter anderem um die Frage, ob der umfangreiche Aufbau angesichts der gewählten Versorgung tatsächlich notwendig gewesen wäre. Auch alternative, weniger invasive Konzepte sowie eine autogene Zahntransplantation kamen zur Sprache.
Eine weitere Fallvorstellung zur fortgeschrittenen Wurzelresorption im Frontzahnbereich führte zu einer ähnlichen Diskussion. Die behandelnde Ärztin hatte sich für ein mehrphasiges Vorgehen mit späterer Implantation entschieden und stellte rückblickend selbst die Frage, ob eine Sofortimplantation nicht ebenfalls möglich gewesen wäre und sich dadurch die Behandlungsdauer für die Patientin hätte verkürzen lassen. Die Referentin reflektierte dabei offen, inwiefern ihre bisherige Ausbildung und Erfahrung die Entscheidung für das damalige Vorgehen beeinflusst hatten.
Es waren gerade solche Einblicke in die Überlegungen und Unsicherheiten hinter einer Therapieentscheidung, die den Austausch besonders interessant machten. Denn auch wenn das Ergebnis zufriedenstellend ist, lohnt es sich manchmal, den gewählten Weg nochmals zu hinterfragen.
Erhalten, korrigieren oder neu versorgen?
Weitere Fälle verdeutlichten, wie stark die individuellen Voraussetzungen und Wünsche der Patienten die Behandlungsplanung beeinflussen können. Bei einem Patienten mit periimplantären Komplikationen war die bestehende prothetische Rekonstruktion nur schwer zu reinigen. Da er eine erneute Implantation vermeiden wollte, entschied sich das Behandlungsteam für einen implantaterhaltenden Therapieversuch mit Dekontamination und regenerativen Massnahmen. Ob damit langfristig stabile Verhältnisse erreicht werden können, war zum Zeitpunkt der Präsentation noch offen.
Auch bei einem komplexen Frontzahntrauma wurde intensiv über das weitere Vorgehen diskutiert. Dabei wurde ausdrücklich davor gewarnt, traumatisierte Zähne vorschnell zu extrahieren. Vielmehr sollten die Möglichkeiten einer Reposition, Stabilisierung und Zahnerhaltung sorgfältig geprüft werden.
Weitere Fallpräsentationen widmeten sich ästhetischen Komplikationen nach langjähriger Implantatversorgung und zeigten, welche Bedeutung das Weichgewebemanagement und die Gestaltung provisorischer Rekonstruktionen für das Behandlungsergebnis haben können.
Gemeinsam hinterfragen, diskutieren und lernen
Nicht auf jede Frage gab es beim 6. AID Symposium eine eindeutige Antwort. Bei manchen Fällen gingen die Meinungen auseinander, bei anderen wurden bereits abgeschlossene Behandlungen noch einmal kritisch betrachtet. Dass die Referierenden dabei auch eigene Unsicherheiten offen ansprachen und sich das Publikum mit Fragen und eigenen Erfahrungen einbrachte, machte die Diskussionen besonders lebendig.
Ganz im Sinne des Mottos «Hoppla! Was nun?» bot das Symposium Raum für einen ehrlichen und praxisnahen Erfahrungsaustausch. Gerade die Gespräche über unerwartete Behandlungsverläufe und mögliche Lösungswege eröffneten neue Perspektiven und lieferten wertvolle Anregungen für den Praxisalltag. Damit unterstrich die Veranstaltung ein zentrales Anliegen der AID, den kollegialen Austausch zu fördern, Erfahrungen weiterzugeben und voneinander zu lernen.
Autor: Loreen Plankensteiner