Sofortimplantation: Experten diskutieren Indikationen und Grenzen am 5. AID-Symposium in Zürich (deutsche Version)

Zürich, 2. Oktober 2025 – Im Lake Side am Ufer des Zürichsees begrüsste die Alliance for Implant Dentistry (AID) Klinikerinnen und Kliniker zu ihrem fünften Jahressymposium unter der Leitfrage: „Sofortimplantation – immer, manchmal oder nie?“ Was folgte, war ein Nachmittag lebendiger, evidenzbasierter Diskussionen zwischen erfahrenen Praktikern und jungen Talenten – ein Austausch, der einmal mehr die Kernmission der AID unterstrich: Generationen durch Dialog zu verbinden.

Eröffnungsvortrag: Dr. Grunder und Dr. Andreoni über die Grundlagen

Das wissenschaftliche Programm begann mit einem gemeinsamen Vortrag von Dr. Ueli Grunder und Dr. Claude Andreoni, die die Entwicklung der Sofortimplantation von den ersten Fallberichten in den 1970er-Jahren bis zu ihrer heutigen Popularität – teils gar bis zum Hype – nachzeichneten. Beide betonten, dass die Sofortimplantation zwar wertvoll sei, jedoch oft in Fällen angewendet werde, in denen ein verzögertes Vorgehen geeigneter wäre.

Sie erinnerten das Publikum an eine unveränderte biologische Tatsache: Nach einer Zahnextraktion kommt es sowohl vertikal als auch horizontal zu Knochenresorption. Wird ein Implantat unmittelbar gesetzt, remodeliert sich der Alveolarknochen dennoch – und ohne Augmentation ist mit einem Knochenverlust zu rechnen. Wie Dr. Andreoni betonte: „Sofortimplantation kann wunderbar funktionieren – aber nur, wenn sie richtig durchgeführt wird.“

Ein entscheidender Faktor, der mehrfach hervorgehoben wurde, ist der gingivale Biotyp. Dickes Weichgewebe bietet deutlich bessere Voraussetzungen für langfristige ästhetische und strukturelle Stabilität. Dr. Grunder, international als Experte im Weichgewebsmanagement bekannt, wies zudem darauf hin, dass Sofortimplantationen häufig zu vertikalem Weichgewebsverlust führen. Dieser könne jedoch durch gezielte Weichgewebstransplantation deutlich reduziert werden.

Die Referenten diskutierten zudem fortgeschrittene Techniken wie die Socket Shield- und Martins da Rosa-Methode – hoch anspruchsvolle Verfahren, die in erfahrenen Händen herausragende Resultate liefern können, aber aufgrund ihrer Komplexität nicht für jede Klinikerin und jeden Kliniker geeignet sind.

Drei Generationen, ein Ziel: Viele Wege zum Erfolg

Nach dem Vortrag diskutierten neun Panel-Teilnehmende unter der Moderation von Dr. Thomas Truninger und Dr. Christian Ramel klinische Fälle und Behandlungsentscheidungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Panel vereinte drei Generationen von Behandlern:

Council of Elders: Dr. Ueli Grunder, Dr. Claude Andreoni, Dr. Konrad Meyenberg

Mid-Career Minds: Dr. Sven Mühlemann, Dr. Marco Zeltner, Dr. Julien Kirchhoff

Future Dental Minds: Dr. Katrin Zumstein, Dr. Quirin Döbelin, Dr. Kevser Pala

Die Diskussionen zeigten rasch, dass es keinen einzigen „richtigen“ Ansatz für die Sofortimplantation gibt. Je nach Fall wurden die Vorteile von sofortigem versus verzögertem Vorgehen unterschiedlich gewichtet. In manchen Situationen tendierten erfahrene Kliniker zur Sofortimplantation, während jüngere Kolleginnen und Kollegen eher ein verzögertes Vorgehen bevorzugten – ein Spiegel unterschiedlicher klinischer Erfahrung und Behandlungsphilosophien. Einigkeit bestand darin, dass Sofortimplantation eine sorgfältige Fallauswahl, patientenindividuelle Planung und präzises chirurgisches Können erfordert.

Viele der jüngeren und mid-career Behandler hoben zudem die wachsende Rolle der geführten Chirurgie hervor, um Präzision bei der Implantatplatzierung zu erreichen. Besonders bei Sofortfällen wurden digitale Planung und geführte Workflows als Werkzeuge gelobt, die nicht nur die Genauigkeit, sondern auch die Sicherheit und Vorhersagbarkeit im klinischen Alltag verbessern.

Balance zwischen Risiko, Können und Patientenerwartungen

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Frage, wann Fälle, die theoretisch mit Sofortimplantation gelöst werden könnten, besser überwiesen werden sollten, wenn die eigene Erfahrung noch nicht ausreicht. Der Konsens: Wenn mit den vorhandenen Fähigkeiten und einem verzögerten Protokoll ein vorhersehbares Ergebnis erzielt werden kann und der Patient einverstanden ist, sollte der Behandler den Fall selbst durchführen – denn „man wächst nur durch das Tun, nicht durch das Delegieren.“

Ein wiederkehrendes Thema war auch die Patientenkommunikation. Jede Patientin und jeder Patient hat unterschiedliche ästhetische Prioritäten und Risikobereitschaft. Während oft angenommen wird, dass Geschwindigkeit für viele entscheidend sei, kann in manchen Fällen ein weniger invasives oder verzögertes Vorgehen besser zu den Erwartungen passen.

Schliesslich wurde das häufig diskutierte Thema höherer Misserfolgsraten nach Sofortimplantation aufgegriffen. Obwohl wissenschaftliche Daten diesen Trend tendenziell bestätigen, teilten die Panelisten ihre Interpretation: Viele dieser Resultate hängen stark von der Erfahrung des Behandlers ab – also davon, wer die Behandlung durchführt und wie. In erfahrenen Händen und bei sorgfältiger Fallauswahl könne das Risiko deutlich geringer oder gar nicht vorhanden sein.

Fazit: Können vor Geschwindigkeit

Am Ende des Nachmittags war die Botschaft klar: Die Sofortimplantation ist weder eine universelle Lösung noch eine Technik, vor der man sich fürchten sollte. Sie ist eine wertvolle Option – wenn sie von der richtigen Person, beim richtigen Patienten und in der richtigen Situation angewendet wird. Die abschliessende Diskussion des Symposiums brachte diese Philosophie auf den Punkt: Exzellenz liegt nicht darin, sich für sofort oder verzögert zu entscheiden, sondern darin zu wissen, warum und wann man sich für welche Methode entscheidet.

Autor: Dott.ssa Anna Stelling-Germani